Ich habe gekündigt und lebe noch – ein Erfahrungsbericht
- Robert
- 1. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Nov. 2025
Januar. Neues Jahr, die alten Sorgen. Wieder sind geschätzte Kolleg:innen gegangen, und ich sitze immer noch hier und korrigiere Marketingtexte. Oder erstelle sie mit ChatGPT. Gefühlt sind es immer dieselben, für dieselben Kunden, mit denselben Fehlern. Die meisten interessieren mich null. Einige schon, die reißen es raus. Ein Lob vom Kunden rettet mir den Tag, ja vielleicht die ganze Woche. Das schafft die Teamleitung nicht, schon gar nicht die Geschäftsführung mit ihren Schönfärbereien. Und seit Jahren gibt es keinen Euro mehr, trotz der hohen Inflation.

Innerlich habe ich schon mehr als einmal gekündigt, real nie. In diesem Januar denke ich jeden Tag daran: Werde ich es dieses Jahr tun? Im Netz belese ich mich über Formvorgaben, Kündigungsfristen, Resturlaub. So beginnt mein 10. Jahr im Suchmaschinenmarketing.
Ende Januar bin ich mit meinem Vater bei einem Konzert einer deutschen Band. Bei einer Ansage spricht der Sänger von der Sorge, die viele haben, „die richtige Entscheidung zu treffen, statt endlich mal richtig ’ne Entscheidung zu treffen“. Der Satz bleibt bei mir hängen. Und mir wird klar: Ich habe mich längst entschieden. Ich weiß nur nicht, ob es richtig ist.
Was habe ich bis dahin nicht alles getan, um mich nicht zu entscheiden! Beim Mitarbeitergespräch gesagt, dass ich andere Aufgaben kennenlernen möchte. In der Mittagspause mit Kolleg:innen über die Zustände gejammert. Und immer wieder gesucht: Wohin könnte es gehen? Was will ich stattdessen machen? Eigentlich am liebsten was mit Umwelt- oder Naturschutz. Was mit Sinn. Was, bei dem ich morgens beim Zähneputzen nicht denke: Boah, heute wieder SEO!
Doch wie komme ich dahin? Ich habe vieles gelernt, aber nicht Naturschutz. In der Schule habe ich Biologie abgewählt. Ich mochte immer die Literatur lieber. Heute mag ich es sehr, in der Natur zu sein, doch für das meiste habe ich weder Augen noch Begriffe. Also werde ich wieder lernen. Bei einem Ökologischen Bundesfreiwilligendienst.
Mein Vater ist der erste aus meiner Familie, dem ich es sage. Dass ich spätestens im Sommer kündigen werde. Dass ich für ein paar hundert Euro im Monat was Neues anfangen will. Um mich dadurch umzusehen, was ich in dem Bereich längerfristig machen könnte. Er meint: „Versuch es! Ich hätte auch gern mal was Anderes probiert. Aber irgendwann ist es zu spät. Also mach’s jetzt.“
Wenige Monate später ist alles klar: Ab September werde ich in einer Umweltredaktion arbeiten. Stiftung statt Agentur. Naturschutz statt Content-Marketing. Stadtnatur statt KI.
Seit ich mich entschieden habe, geht es mir so viel besser. Ich habe wieder mehr Spaß beim Sport. Mit dem Rad fahre ich Strecken weiter als jemals zuvor. Plötzlich bekomme ich sogar Lob von der Teamleitung!
Ob meine Entscheidung die richtige ist? Ich kann es nicht wissen, aber ich fühle es. Ich freue mich auf dieses Jahr. Und alles, was vielleicht danach kommt.
Es gibt Entscheidungen, die sind schwierig. Oft steht aber nur die Frage im Weg: Werde ich damit wirklich glücklich sein? Dabei geht es gar nicht darum, die richtige Entscheidung treffen. Sondern darum, endlich richtig eine Entscheidung zu treffen.
Wie sieht's bei dir aus?

Kommentare