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Eine App in 46 Minuten: Warum Entwickler heute mehr sein sollten als nur Angestellte

Peter
22. Juli
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Juli

Ich habe AI unterschätzt. Und zwar gewaltig.


09:52 Uhr.


Mein Team Lead schrieb mir eine kurze Nachricht:


„Hi, wie läuft’s denn mit dem Projekt?“


Ich starrte auf meinen Bildschirm.


Für einen kurzen Moment wusste ich nicht, was ich antworten sollte.


Eine Woche zuvor hatten wir das Projekt gemeinsam geplant. Doch zwischen Features, Bugfixes, Meetings und Code Reviews war es in unserem Tagesgeschäft vollständig untergegangen.


Ich hatte noch nicht einmal angefangen.


Und jetzt diese Nachricht.


---


Eine Woche zuvor hatten wir uns im Rahmen meiner jährlichen Performance Review zusammengesetzt.


Mein Team Lead – einer der erfahrensten Entwickler, mit denen ich bisher zusammenarbeiten durfte – und ich wollten bewusst ein Projekt definieren, das mit Unterstützung von AI umgesetzt werden sollte.


Nicht für unser aktuelles Produkt.


Nicht für einen Kunden.


Sondern als Experiment.


Wir wollten herausfinden, wie weit AI heute wirklich ist und wie sie unseren Entwicklungsprozess sinnvoll unterstützen kann.


Ich bin Mobile-Entwickler. Deshalb entschieden wir uns ganz bewusst für etwas, womit ich bisher keinerlei Erfahrung hatte:


eine macOS-App.


Nach einer gemeinsamen Brainstorming-Session fiel die Wahl auf eine Pomodoro-App.


Eine kleine Anwendung, die dauerhaft in der Menüleiste läuft und daran erinnert, regelmäßig eine Pause einzulegen.


Ohne AI hätte ich für dieses Projekt ungefähr zwei Wochen eingeplant.


Nicht, weil die App außergewöhnlich komplex ist, sondern weil ich mich zunächst komplett in die macOS-Entwicklung hätte einarbeiten müssen.


Einen festen Termin hatten wir nicht vereinbart.


Bis zu diesem Morgen.


09:52 Uhr.


„Hi, wie läuft’s denn mit dem Projekt?“


Ich antwortete nicht sofort.


Stattdessen entschied ich mich, etwas auszuprobieren, das ich bis dahin ehrlich gesagt komplett unterschätzt hatte.


Ich öffnete einen AI-Code-Agenten.


Zuerst beschrieb ich grob, was für eine App ich mir vorstellte. Danach fügte ich eine entscheidende Anweisung hinzu:


„Stell mir so lange Fragen, bis du alle Anforderungen vollständig verstanden hast und wir beide zufrieden sind.“


Was dann passierte, überraschte mich.


Die KI begann nicht sofort zu programmieren.


Sie begann zuerst, das Problem zu verstehen.


Sie stellte Fragen.


Viele Fragen.


Fragen, die ich mir selbst vermutlich erst während der Entwicklung gestellt hätte:


Soll die Benachrichtigung auch erscheinen, wenn die App im Vordergrund ist?


Was genau soll in der Benachrichtigung stehen?


Soll die App eine Pause- und Reset-Funktion haben?


Welche Einstellungen sollen veränderbar sein?


Welche Sonderfälle müssen berücksichtigt werden?


Mehrmals dachte ich:


„Daran hätte ich selbst erst viel später gedacht.“


Die KI schlug mir sogar Dinge vor, die ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.


Zum Beispiel empfahl sie eine Standarddauer von 25 Minuten, weil das die am häufigsten verwendete Pomodoro-Zeit ist.


Danach präsentierte sie mir einen Abschnitt mit dem Titel „Suggested UI“.


Keine fertige Benutzeroberfläche, sondern zunächst ein durchdachtes Konzept dafür, wie die App aufgebaut sein könnte.


Anschließend folgte ein strukturierter Implementierungsplan.


Schritt für Schritt.


Mit klar aufgelisteten Arbeitspaketen und einer sinnvollen Reihenfolge.


Ganz am Ende erschien noch ein Abschnitt mit dem Titel:


„Small Decisions to Make“


Darin listete die KI mehrere kleinere, aber wichtige Entscheidungen auf, für die sie noch meine Rückmeldung benötigte, bevor sie mit der Entwicklung beginnen konnte.


Spätestens an diesem Punkt wurde mir klar:


Das hier war kein einfacher Codegenerator.


Es fühlte sich eher so an, als würde ich mit einem Entwickler zusammenarbeiten, der das Problem zuerst vollständig verstehen und die Umsetzung sauber planen möchte.


Nachdem alle Fragen geklärt waren, gab ich grünes Licht.


Zusätzlich bat ich die KI, in separaten Git-Branches zu arbeiten und Änderungen erst dann zu mergen, wenn ich sie ausdrücklich freigebe.


Auch das funktionierte vollkommen automatisch und erstaunlich zuverlässig.


Dann begann die KI mit der eigentlichen Umsetzung.


Kurze Zeit später war das Ergebnis da.


Im Output-Ordner lag bereits eine fertige Pomodoro.app.


Ich klickte sie an.


Die App startete.


Ich stellte den Timer ein, testete die Buttons und wartete auf die erste Benachrichtigung.


Alles funktionierte.


Ich saß vor meinem Bildschirm und dachte nur:


„Das kann doch nicht sein.“


Um 10:38 Uhr antwortete ich meinem Team Lead.


Genau 46 Minuten nach seiner Nachricht.


Ich schickte ihm Screenshots und die fertige, lauffähige Pomodoro.app.


Nicht nur Quellcode.


Keine Demo.


Kein Prototyp.


Eine echte, benutzbare Anwendung.


Was mich fast noch mehr überraschte als die Geschwindigkeit und der Code, war die Benutzeroberfläche.


Ich hatte der KI praktisch keine Vorgaben zum Design gemacht.


Keine Farben.


Kein Layout.


Kein Mock-up.


Keine Beschreibung meines persönlichen Geschmacks.


Trotzdem hatte sie genau meinen Geschmack für ein schlichtes, aufgeräumtes Design getroffen.


Die App fügte sich sauber in macOS ein.


Die Abstände wirkten stimmig.


Die Texte innerhalb der App und in den Benachrichtigungen waren gut formuliert.


Auch Details wie die Platzierung der Pause-, Stop- und Reset-Funktionen fühlten sich natürlich und durchdacht an.


Die Benutzeroberfläche wirkte nicht wie ein schnell generierter Entwurf.


Sie sah aus wie eine App, an der erfahrene Entwickler und UX/UI-Designer gearbeitet hatten.


Ich hatte fest damit gerechnet, dass ich zumindest die Oberfläche anschließend komplett überarbeiten müsste.


Stattdessen dachte ich:


„Genau so hätte ich sie auch gebaut.“


Kurz darauf kam die Antwort meines Team Leads.


Ein einziges Wort:


„nice“


Für viele klingt das wahrscheinlich unspektakulär.


Für mich war es eines der größten Komplimente meiner bisherigen Karriere.


Mein Team Lead ist jemand, dessen fachliche Meinung ich unglaublich schätze. Er verteilt Lob nicht leichtfertig.


Genau deshalb hatte dieses eine Wort für mich so viel Bedeutung.


Nach dem Versenden spielte ich noch weiter mit dem Projekt herum.


Ich bat die KI, Unit Tests, eine README und weitere strukturelle Verbesserungen hinzuzufügen. Außerdem ließ ich mir einzelne Teile der Implementierung erklären, um sie in Xcode besser nachvollziehen zu können.


Die funktionsfähige App selbst änderte sich dadurch praktisch nicht mehr.


Sie hatte bereits vorher funktioniert.


Die späteren Anpassungen betrafen hauptsächlich die Projektstruktur, Dokumentation und Absicherung des Codes.


Auch dabei schlug mir die KI von sich aus Best Practices und sinnvolle Verbesserungen vor.


Vom Erstellen des Accounts bis zum vollständigen Projekt mit Unit Tests, Dokumentation und sauberer Struktur waren weniger als zwei Stunden vergangen.


Und ehrlich gesagt benutze ich genau diese Pomodoro-App seit diesem Tag an jedem einzelnen Arbeitstag.


Bis zu diesem Erlebnis hatte ich AI eher als interessantes Werkzeug betrachtet.


Etwas, das einem vielleicht ein bisschen Arbeit abnimmt.


Etwas, mit dem man experimentieren kann.


Aber noch weit davon entfernt, meinen Berufsalltag wirklich zu verändern.


Nach diesen 46 Minuten konnte ich das nicht mehr behaupten.


Zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft:


Wie wird Softwareentwicklung in fünf oder zehn Jahren aussehen?


Welche Fähigkeiten werden dann wirklich entscheidend sein?


Und verändert AI gerade nicht nur unsere Werkzeuge, sondern unsere gesamte Rolle als Softwareentwickler?


Rückblickend bestand meine wichtigste Aufgabe an diesem Vormittag gar nicht darin, Code zu schreiben.


Meine Aufgabe war es,


die richtigen Anforderungen zu formulieren,


gute Entscheidungen zu treffen,


den notwendigen Kontext zu liefern


und das Ergebnis kritisch zu bewerten.


Diese 46 Minuten haben meine Sicht auf Softwareentwicklung verändert.


Vor diesem Tag dachte ich, AI würde mir vielleicht ein bisschen Arbeit abnehmen.


Heute glaube ich, dass sich nicht nur unsere Werkzeuge verändern, sondern unsere gesamte Rolle als Softwareentwickler.


Die eigentliche Frage ist für mich deshalb nicht mehr, ob AI unsere Branche verändern wird.


Sondern:


Wie schnell?


Gleichzeitig eröffnet AI aber auch Möglichkeiten, die ich vorher kaum gesehen habe.


Sie kann uns dabei helfen, über die Grenzen unserer bisherigen Expertise hinauszugehen und Ideen umzusetzen, an die wir uns sonst vielleicht nicht herangewagt hätten.


Ich bin Mobile-Developer und hatte zuvor keinerlei Erfahrung mit der Entwicklung von macOS-Apps. Trotzdem konnte ich innerhalb kürzester Zeit eine Anwendung realisieren, die ich heute tatsächlich jeden Tag benutze.


Das bedeutet nicht, dass Expertise plötzlich unwichtig wird. Aber AI kann die Einstiegshürde in neue Technologien und Themen deutlich senken. Sie gibt uns die Möglichkeit, schneller zu lernen, Fragen zu stellen und in Bereichen zu arbeiten, die bisher außerhalb unseres gewohnten Kompetenzbereichs lagen.


Vielleicht liegt genau darin eine der größten Chancen:


AI hilft uns nicht nur dabei, schneller zu arbeiten.


Sie kann auch den Raum dessen erweitern, was wir uns überhaupt zutrauen.


Ich kenne die Antwort darauf nicht.


Aber eines weiß ich heute mit Sicherheit:


Ich werde AI nie wieder als Spielzeug betrachten, sondern als eine Technologie, die ich verstehen, beherrschen und aktiv in meine tägliche Arbeit integrieren möchte.

 
 
 

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